Chattertreffen
An meinem 16ten Geburtstag zog ein Modem bei mir ein. In jener längst vergangenen Zeit konnte man das Gerät nur zur Einwahl in das von der Telekom betriebene BTX system verwenden. In den verwerflichsten Abgründen der aufkeimenden BTX Chatkultur machte ich meine ersten virtuellen Erfahrungen mit SM. Phantasien in die Richtung hatte ich schon immer gehabt, aber deren reale Umsetzung erschien mir unmöglich.
In jener Zeit war die Zahl der weiblichen Nutzerinnen in den Chats verschwindend gering, dafür gab es umsomehr Männer die sich als Frauen ausgaben. Ich lernte im ersten Monat was ein Fake ist und habe es seither nicht mehr vergessen.
Als ich 18 wurde leistete ich mir mein erstes Auto. Großartig, nun konnte ich endlich das heimatliche Kuhdorf verlassen. Langsam aber sicher sammelte ich meine ersten Erfahrungen mit meiner Neigung. Ich hatte dabei meist mehr Angst vor dem was geschehen hätte können als die submissiven Frauen, mit denen ich mich traf.
Eines Nachmittags meines Studentlebens traf ich eine Frau mit ganz gezielten Vorstellungen im BTX Eden Chat, in den damals mein ganzes BAFÖG floss. Sie war verheiratet und wollte mit mir gemeinsam gewisse Aktivitäten vor ihrem Mann ausführen. Großartig. Mal was Neues. Hatten wir noch nicht. Nach einem Telefonat war ich von Ihrer Echtheit überzeugt, sie gab mir ihre Adresse und mein klappriger Kadett und ich donnerten in die herannahende Nacht in Richtung Niederbayern davon.
Wie oft ich mich verfahren habe möchte ich nicht preisgeben. Es war tiefste Nacht als ich an dem Haus, das inmitten einer spießigen Neubausiedlung stand, ankam. Noch bevor ich klopfen oder klingeln konnte bellte es. Mein Herz sank zum Erdmittelpunkt. Ich verstand weshalb die Griechen einen Höllenhund ersonnen hatten - das tiefe kehlige Bellen erinnerte mich an alle Verfehlungen die ich jemals in meinem Leben begangen hatte. Die Tür ging auf und ich schloss die Augen. Als ich nach einigen Sekunden noch immer das unwirkliche Gefühl hatte zu leben, machte ich sie langsam wieder auf. Vor mir stand sie und war schön.
Ich solle reinkommen. Sie war noch ein gutes Stück unter Dreißig. Wo denn der Hund sei. Oben, eingesperrt. Ich bräuchte keine Angst zu haben. Nein - ja klar, hab ich ja auch nicht. Der Hund war still, die Nacht dunkel und irgendwie gingen meine Füße durch die Tür und ich mit ihnen. Sie war schön, muss dazu gesagt werden und meine Füße laufen immer gerne schönen Frauen hinterher.
Sie führte mich in das Wohnzimmer wo ihr Mann in einem schwarzen Ledersessel auf mich wartete. Meine Augen nahmen zuviele Informationen zugleich auf. Da war die kitschige Marienstatue an der Wand, gleich neben dem offenen Kamin in dem einige Holzscheite auf Feuer warteten. Demgegenüber stand eine große Ledercouch und dazwischen saß er und sah mich an. Er war alt. Sein ganzer Körper strahlte widerwärtige Selbstgefälligkeit in das geräumige Wohnzimmer. Seine Überlegenheit fraß sich wahrscheinlich schon seit Jahren tiefer und tiefer in die Mauern des Hauses und würde nur durch eine Abrißbirne von dort wieder zu entfernen sein.
Setzen solle ich mich. Da war nur die Couch. Als ich darauf saß war ich kleiner als er - sein Sessel hatte unten Füße. Nur ein kleines Stück kleiner, aber kleiner. Ob ich was zu trinken wolle, fragte sie, die brav vor dem Sofa stehen geblieben war. Ich sah zu ihr hoch, dann fing der Hund wieder von oben zu bellen an. Mein Zusammenzucken hatte sie wohl als Nicken interpretiert, sie verschwand um kurz darauf mit Organensaft zurückzukommen. Mir war nicht klar, ob ich das Glas auf dem kleinen Beistelltisch abstellen durfte oder ob dessen Oberfläche zu sehr darunter gelitten hätte. Auch ein Blick auf die Marienstatue half nicht weiter, also behielt ich das Glas in der Hand und hielt mich daran fest. Der Hund hatte sich wieder beruhigt.
Mein Gastgeber war sehr neugierig. Während sich seine Angetraute zu meinen Füßen an die Couch lehnte und zu uns hochsah fragte er mich über alles aus was in meinem Leben uninteressant war. Seine Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass er das Gespräch führte und sein Tonfall zwang mich ihn ständig anzusehen. Ich konnte gar nicht seine Frau betrachten.
Wie ich eigentlich auf die verrückte Idee käme nach ein bisschen Chatten hierherzukommen, zu wildfremden Leuten. Er lachte. Er könnte mich doch zerstückeln und ins Feuer werfen. Oder dem Hund zu fressen geben. Er lachte wieder. Mein Herz, dass sich gerade mühsam wieder bis über die zittrigen Knie nach oben vorgearbeitet hatte stürzte gemeinsam mit meinen Magen in den Abgrund ohne Wiederkehr. Das einzige was nach oben stieg war mein Blut - mein Gesicht errötete hilflos. Ich sah seine Frau an. Sie lächelte verträumt. Ihr Aussehen half mir jetzt auch nichts mehr.
Als es dann endlich losgehen sollte erlebte ich die ersten Potenzprobleme meines Lebens. Sie kniete nackt und schön auf dem Wohnzimmerteppich und ich spürte nur noch Unsicherheit in den Knien. Das Martyrium dauerte nicht lange - die einzig überlegene Handlung, die ich an diesem Abend zusammenbrachte war der Abbruch des sinnlos gewordenen Vorgangs. Viel zu sagen gab es dann nicht mehr, ich ging recht bald zurück zu meinem Kadett.
Sie sagte nichts, lächelte mich nur überweltlich an als sie mich zur Tür brachte. Zerberus machte sich wieder bemerkbar. Ich sah sie noch einmal an und machte mich dann davon.