Die Abstimmung – Teil 1 und 2
Die Abstimmung – Teil 1 von 7: Hervorhebung (Sonntagabend)
Das Buch liegt auf dem Bett und während ich den Koffer auspacke überlege ich, ob ich es nun gestohlen habe oder ob es eine freundlichere Umschreibung für mein Verhalten gibt. Ich finde keinen passenderen Begriff. Wenn man nach insgesamt siebenundzwanzig Stunden Flug ein gelbes Reclamheft auf dem Boden vor der Hotelrezeption liegen sieht, ein Heft, das offenbar niemand in der Schlange vor einem bemerkt, wenn man hingeht, es aufhebt, sich wieder an seinem alten Platz in der Schlange zurückstellt und von keiner Person darauf angesprochen wird, das Buch also von keinem der Umstehenden vermisst wird, wenn man dann etwas in dem Buch findet, dass es einem schwer macht, es wieder aus der Hand zu legen und es deshalb, wenn man an der Reihe ist, der jungen Dame, die einem Zimmernummer und den dazugehörigen Schlüssel gibt, nicht als Fundstück meldet, wenn man sich die ganze Aufzugfahrt in den vierzehnten Stock darauf freut, dieses Buch wieder zu lesen, ist das dann Diebstahl? Ich glaube schon.
Als ich vor beinahe zwei Tagen zu Hause gepackt habe fiel mir kein Buch in die Hände, das ich lesen wollte. Auf dem Flug nach Wien habe ich in den Zeitungen geblättert, auf dem Flug nach Singapur ein paar Gläser Rotwein zuviel getrunken und daraufhin sehr gut geschlafen und auf dem letzten Stück, zwischen Singapur und Sidney habe ich mir auf dem Laptop nochmal die Dokumente für die Konferenz durchgesehen. Es ist Sonntagnachmittag, ich bin müde und draußen, zwischen den Hochhäusern, scheint die Sommersonne, die mir, der ich im Winter abgereist bin, momentan noch unnatürlich erscheint. Morgen fängt die Konferenz an und je länger ich keinen der anderen Delegierten sehe desto besser.
Und vor mir, auf dem Bett, liegt das gelbe Heft mit der Aufschrift "König Ödipus". Meine Deutschlehrerin meinte einmal, dieses Buch sei der mitreissenste Psychothriller der Weltgeschichte und ich weiß noch, dass ich Sophokles' Drama danach gleich mehrmals in mich hineingelesen habe, ganze Absätze auswendig lernte und nicht genug kriegen konnte von dem Stück. Das ist beinahe zwanzig Jahre her. Es war das gleiche, gelbe Reclamheft mit der schwarzen Schrift und dem schwarzen Sphinxbild auf der Vorderseite. Und heute lag es wieder vor mir, am anderen Ende der Welt, in meiner Sprache, in der genau gleichen Übersetzung, wie ich noch beim ersten Durchblättern feststellte, die ich damals gelesen hatte.
Ich lass den Koffer halbvoll stehen und nehm das Buch in die Hand. Auf der Innenseite, das sah ich an der Rezeption bereits, steht ein mit Tinte geschriebener Name, den ich mir laut vorlese "Ralisera Gatovina". Ich höre mir selber zu und lese den Namen nochmal laut. Es gefällt mir, wie sich die Buchstaben aneinanderreihen, wie der Vorname mit einem harten, rollenden R anfängt um dann ganz weich auszuklingen und ich mag es fast noch mehr wie mächtig und doch friedvoll der Nachname auf mich wirkt. Was ich da vor mich hinwiederhole klingt russisch oder polnisch und wenn ich nicht vorsichtig bin, dann sage ich bis in die Nacht hinein immer nur diesen Namen und komm nicht dazu das Buch zu lesen. Weshalb liest jemand, liest eine Frau mit diesen Namen in Australien die deutsche Übersetzung eines alten griechischen Dramas?
Vorsichtig schlage ich die erste Seite um und dann die nächste und dann noch eine und finde mich schon wieder beim Blättern durch das Heft. Auf manchen Seiten sind Zeilen am Rand mit dünnen Bleistiftstrichen markiert. Sätze wie "Wem vor der Tat nicht graut, den schreckt auch kein Wort" und "Ich fürchte, daß aus diesem Schweigen aufbrechen werden schlimme Dinge". Da stehen die Worte sogar noch in der alten Rechtschreibung und ich stolpere über das scharfe S. Weiter hinten, auf Seite achtundfünfzig sind zwei Zeilen sehr sorgfältig umrandet, der Bleistift wurde fester aufgedrückt als an anderen Stellen und die Striche schließen einen einzelnen Satz ein: "Wohin entfliegt mir die Stimme, verhallend?"
Mein Daumen drückt sich zwischen Seite achtundfünfzig und neunundfünfzig, ich lasse das Buch sinken, greife mit der linken Hand nach dem Telefon, nehm den Hörer ab, wähle mit Links – ich kann das Buch nicht loslassen – die Nummer der Rezeption und halte mir dann den Hörer ans Ohr. Es dauert nicht lange, bis sich eine Frauenstimme freundlich meldet.
"Hello. I just wanted to know whether Miss Ralisera Gatovina has already checked in."
"How do you spell this name?" fragt sie – ich buchstabiere den Namen der Unbekannten und höre das Klicken einer Computertastatur am anderen Ende der Leitung. "Yes, she already arrived. Shall I connect you to her room?"
"Actually no, thank you, but" ich weiß, dass das was ich jetzt frage in den meisten Hotels der nördlichen Hemisphäre mit einem freundlichen Nein beantwortet wird, aber ich befinde mich zu weit weg von zu Hause und halte unverhofftes Diebesgut in meiner Hand, brauche also jetzt auch nicht mehr anfangen mich zu schämen "could you tell me her room number?" Nicht mal eine Ausrede lasse ich mir dafür einfallen, weshalb ich ihre Zimmernummer haben möchte.
"Sure," sagt sie ohne weiteren Einwand "the room is seven four two."
"Seven four two – thank you very much!" sage ich und lege auf. Siebenhundertzweiundvierzig. Quersumme dreizehn. Das Telefon sieht mich mit seinen Tasten an, aber ich gehe nicht auf seinen Vorschlag ein, die Besitzerin des Buches jetzt schon anzurufen. Erst werde ich es lesen und es ihr dann zurückgeben. Morgen. Ralisera Gatovina kann noch ein paar Stunden warten. Ödipus nicht.
Fortsetzung folgt morgen in "Die Abstimmung – 2/7: Inversion (Montagmorgen)"
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Die Abstimmung – 2/7: Inversion (Montagmorgen)
Nick blickt von seinem Papier zu mir hoch, sagt "Thank you Mister Chairman" ins Mikrofon und ich antworte ihm "Thank you Nick for this very detailed presentation". Während er das Mikro zurück an den Ständer im Mittelgang trägt und dort befestigt, schiebe ich meine schwarze Plastikmaus auf der grünen Filzunterlage umher und frage "Are there any questions concerning this presentation?"
Von den etwas mehr als hundert Delegierten, die vor mir sitzen, hebt keiner seine Hand. Die meisten von uns kommen von der Nordhalbkugel und es ist offensichtlich, dass alle noch mit der Zeitverschiebung kämpfen. In den hinteren Reihen haben einige Teilnehmer Computer und Wasserflaschen zur Seite geschoben, ihre Köpfe auf ihre Arme gebettet und schlafen. Solange keiner schnarcht stört das nicht. Einige unterhalten sich leise, ein paar sehen zu mir und der Rest starrt müde in die Laptops. Der langgezogene Raum hat keine Fenster, die Türen sind verschlossen und die Klimaanlage bläst mit leisem Geräusch, dass mit der Zeit immer weniger wahrnehmbar wird, zu wenig kühle Luft in die ausgetrocknete Stimmung.
Wir sind alle Abgesandte unserer Firmen und finden uns im Abstand von ein bis zwei Monaten jeweils für eine Woche in einem Konferenzzimmer zusammen um irgendwo auf der Welt über die Technologie der Zukunft zu diskutieren. Dies ist nun das dritte sogenannte Meeting dem ich vorsitze, der Gruppe selbst gehöre ich seit mehr als fünf Jahren an. Ganz habe ich mich noch nicht damit abgefunden, dass ich nicht mehr bei jeder technischen Schwindelei der Konkurrenz das Mikro in die Hand nehmen und mich ereifern darf. Seit September letzten Jahres muss ich darauf achten neutral zu sein, dafür werde ich auch als Herr Vorsitzender, als Mister Chairman angesprochen. Alle Diskussionen laufen über mich, die Teilnehmer sprechen sich nie direkt an – das nimmt meistens einen Schuss Adrenalin aus den Auseinandersetzungen. Somit fällt mir zumindest das Wachbleiben nicht schwer.
Diese Woche sind wir in Sidney und die Agenda ist kurz: sieben Themen und unter denen gibt es nur einen problematischen Punkt, nämlich die inverse Iteration des Eigenvektors. Das Problem wird sei Monaten diskutiert und nun haben wir vom Plenum den sehr klar formulierten Auftrag erhalten, in dieser Woche zu einer Lösung zu kommen, notfalls über eine Abstimmung. Es ist klar, dass es am Freitag zu einer Abstimmung kommen wird, daran zweifelt niemand. Die beiden vorliegenden Lösungsansätze der Firmen CoTaTec und SeelBIT scheinen mehr oder weniger gleichwertig und selbst die detaillierteste technische Diskussion wird keine der beiden Firmen dazu bringen, ihren jeweiligen Vorschlag zurückzuziehen.
Nick hat über zwanzig Minuten den SeelBIT–Vorschlag präsentiert. Anfangs gab er sich noch Mühe die Zuhörer auf die Problematik hinzuführen, aber spätestens als er zum Kernpunkt, den Schwingungsamplituden kam, ließ die Aufmerksamkeit im Raum spürbar nach. Er warf mit Matrizen um sich, multiplizierte, addierte und invertierte, widerlegte erste Näherungswerte mittels komplexer Grenzwertbetrachtungen und wies immer wieder darauf hin, dass er natürlich nur einen kurzen Überblick über den Lösungsansatz seiner Firma geben könne, das Thema sei zu kompliziert und er vermute, dass sich alle bereits im Vorfeld mit der Thematik und seinem Papier auseinandergesetzt hätten. Er weiß, dass das bei den meisten nicht der Fall ist. Seine Art, jeden Zuhörer hinter sich zu lassen und sich immer mehr in den Details zu verlieren lässt jedoch einige Delegierte glauben, die von ihm vorgestellte Lösung wäre bis ins Letzte durchdacht.
Pekka seufzt leise neben mir. Er ist der Sekretär des Meetings, das heißt er verwaltet die Dokumentennummern und schreibt den offiziellen Report. Es gibt niemanden in der Gruppe, dem ich mehr vertraue und den ich mehr schätze als ihn.
Da sich kein Teilnehmer zu Nicks Papier äußern will bleibt uns vor der Kaffeepause noch genug Zeit, um den Gegenvorschlag vorzustellen. "Good. So we then can go straight to the CoTaTec proposal. Who is going to present that?" Martin, der CoTaTec normalerweise repräsentiert, ist diesmal nicht anwesend – seine Frau ist hochschwanger und so hat er gerne auf die Reise nach Australien verzichtet. Bisher weiß ich nicht, wer für die Firma sprechen wird.
Ich widme mich kurz meinem Laptop, um Nicks Dokument zu schließen und das von CoTaTec zu öffnen. Alles was ich auf meinem Bildschirm sehe wird auch auf der großen Leinwand hinter mir angezeigt, damit die Delegierten besser dem Verlauf der Vorträge folgen können. Dokument F7–01325.zip. Gerade als ich die Datei öffnen will, höre ich Pekka neben mir tief einatmen. "Juma Lauta" sagt er auf Finnisch, ich habe keine Ahnung was das heißt, sehe ihn von der Seite her an, sehe dass seine Augen in den Raum hinein starren, folge seinem Blick und dann bleibt die Zeit stehen.
Sie macht den letzten Schritt auf das Mikrofon zu. Wo sie die ganze Zeit gesessen hat weiß ich nicht, ich habe sie nirgendwo gesehen und sie ist groß genug um nicht übersehen zu werden. Vielleicht saß sie in einer der hinteren Reihen, hinter Richard und Andrew, den beiden Riesen, hinter denen immer ein toter Winkel herrscht. Ich kann mir nur gar nicht vorstellen, dass es für diese Frau einen toten Winkel gibt. Jetzt steht sie kerzengerade vor dem Mikrofon, justiert es mit ruhigen Bewegungen auf ihre Höhe und blickt dann auf und direkt in meine Augen. "Thank you Mister Chairman." Ich spüre meine Adern brennen, wie das Blut in meinem Kopf kurz davor steht gasförmig zu werden und ich weiß, dass ich rot anlaufe. Jeder könnte das sehen, aber niemand außer ihr sieht zu mir.
"My name is Ralisera Gatovina –" sie macht eine kurze Pause, in der ihr rotes, eng anliegendes Kleid, das sich bis nah an ihre Knie heranwagt, vor mir verschwimmt und alles um sie herum mit seiner Farbe ausfüllt. "I am here to present the CoTaTec proposal for the solution of the inverse iteration of the eigenvector." Sie spricht die rollenden Rs, den leichten Akzent, jedes der scharf abgeschnittenen Worte in die Stille des Konferenzraumes, aus der heraus sie mehr als hundert Augenpaare beobachten.
"Mister Chairman" sagt sie.
"Yes" meine Stimme hat keinen Klang mehr.
"Could you please open document F7–01325?"
"Of course" – ich muss meine Augen zwingen von ihr abzulassen, die rechte Hand versucht die Maus zu dirigieren, der Zeiger trifft die Fenster auf dem Bildschirm nur noch bei jedem zweiten Anlauf. Endlich erscheint die Sanduhr, F7–01325 öffnet sich, Ralisera Gatovina nickt mir zu und beginnt zu sprechen. Ihre Hände hält sie auf Höhe des Mikros und bewegt sie ab und zu, um eines ihrer Worte zu verdeutlichen. Ansonsten steht sie still. Sie lächelt nicht, sie verzettelt sich in keinem Satz, sie spricht deutlich und in kurzen Sätzen, die mir, obwohl ich mich nicht auf ihren Inhalt konzentrieren kann, alle wesentlich einleuchtender erscheinen als Nicks mathematische Drahtseilakte.
In weniger als zehn Minuten ist sie fertig, bedankt sich höflich und bleibt vor dem Mikrofon stehen.
"Thank you Ralisera" der Name gibt meiner Stimme wieder Melodie und ich glaube ein kurzes Funkeln in ihren ansonsten ruhigen, grünen Augen zu sehen. "Are there any questions or comments?"
Alles bleibt still und für einen Moment denke ich daran, ins Mikrofon zu sagen, wie gut ihr das Kleid steht. Ein dummer Gedanke. Ich muss trotzdem lächeln. Und dann sehe ich Nick in der ersten Reihe sitzen, der seine Augen auch nicht von ihr nehmen kann und in dessen Gesicht sich Wut und Staunen mischen und gleich neben ihm starrt sogar Sarah in die gleiche Richtung wie alle anderen und weiß, dass sie um ihre Stellung als attraktivste Frau der Gruppe nicht mehr länger bangen muss, sie hat sie gerade verloren. Ein Ruck geht durch meine Schultern, ich bin offenbar der erste, der die Fassung wieder gewinnt.
"Well, I guess we will come back on this issue later this week. Thank you again for your excellent presentation, Ralisera." Sie sieht mir direkt in die Augen und von der Sicherheit, die ich für einen Augenblick zu haben glaubte, bleiben nur Ruinen. Was genau sie mit diesem Blick bezwecken will weiß ich nicht, aber er berührt mich nicht nur wegen ihrer Schönheit. Dann dreht sie sich um und geht langsam auf ihren Platz hinter Andrew zurück.
Ich entlasse das Meeting in die halbstündige Kaffeepause, atme einmal tief durch und sehe dann Pekka an.
"Pekka," sage ich.
"Hm?"
"I got it!"
"What?"
"Her book" und dann steh ich auf und geh auf mein Zimmer.