Die Abstimmung – Teil 1 und 2


Die Abstimmung - Teil 4 von 7:

Mittwoch: Erregung

Als am Nachmittag die beiden Fragen vorgestellt wurden, stand Sarah auf und begann gegen Raliseras Vorschlag zu argumentieren. Zuerst versuchte sie die Lösung auf technischen Weg anzugreifen, als Ralisera und einige andere Delegierte sie immer wieder auf berichtigten, wurde sie wütend. Ich habe Sarah mehrmals wütend im Meeting erlebt, sie ist Spanierin und ihr südliches Temprament geht weit über jedes Klischee hinaus.

Pekka hielt mich zurück, als ich sie zum erstenmal unterbrechen wollte "look at this, we got a bitch fight - for free!" flüsterte er mir mit breitem Grinsen zu. Er hatte recht - Sarah stand am Mikrofon im Mittelgang und feuerte ein schwaches Argument nach dem anderen ab, Ralitsera hatte sich dauerhaft am rechten Rand postiert und hielt sich ruhig und ohne aufgeregt zu wirken gegen Sarahs Attacken. Sie stand wieder aufrecht da, diesmal in einem schwarzen, zweitiligen Kostüm, hielt das Mikro in der Hand, hörte aufmerksam zu und nickte zu Sarahs Worten, um sie kurz darauf zu widerlegen. Ich hatte es aufgegeben, als Vermittler zwischen den beiden zu fungieren, sie sprachen sich direkt an und ich dachte, dass damit allen geholfen sei, da wir so weniger Zeit verbrauchten.

Nach mehr als fünfundvierzig Minuten fragte Ralitsera "sorry Sarah, I am not sure what are you actually trying to achieve here." Das war die falsche Frage. Sarahs Stimmlage schnellte in die Höhe, sie griff das Mikrofon fester und trat zwei Schritte auf Ralitsera zu, die Delegierten in den ersten beiden Reihen schreckten zurück und dann schrie sie so laut, dass es aus den beiden Lautsprechern pfiff "What I am trying to achieve is to show, that your proposal is pure bullshit!"

Andrew, der für die gleiche Firma arbeitet wie Sarah, stand einige Reihen weiter hinten auf und rief ihren Namen, sie hörte nicht, ich zog mein Mikro an mich. "Sarah," sagte ich "I think you better" und da lachte sie auf, kam nun auf mich zu und fiel mir ins Wort.

"Oh Mister Chairman" die Worte kamen mit mitleidiger Ironie aus ihr "I don't think you are the right person to guide us here."

"Sorry?"

"Everybody can see from how it is written, that you wrote this question yourself. Mister Chairman, you are biased" sie warf mir öffentlich Voreingenommenheit für CoTaTec vor. Andrew durchquerte mit großen Schritten den Mittelgang und wand das Mikro aus Sarahs Händen, während ich kein Wort sagen konnte. Pekka pfiff neben mir gut hörbar durch seine Zähne und überbrückte mein Schweigen. "Guess we don't want that to be mentioned in the meeting report" sagte er trocken und einige der Versammelten lachten.

"I apologzie for the behaviour of my colleague" sagte Andrew mit schottischem Akzent, während er Sarahs Schultern mit einem seiner Arme fest umschlossen hielt - "there is nobody from our company who would doubt your integrity, Mister Chairman."

"I guess, we need a coffee break - we reassemble at 5pm."

In der Pause verschwand ich auf mein Zimmer und überlegte mir eine kurze Stellungnahme. Als ich zurückkam wurde mir auf den Weg ins Konferenzzimmer auf die Schulter geschlagen und gelacht. Ralitsera saß auf ihrem Platz und sah aus dem Fenster. Wahrscheinlich konnte sie im Moment nichts besseres tun. Ich setzte mich auf meinen Stuhl und wartete, bis alle Delegierten sich wieder eingefunden hatten. Sarah kam nicht zurück und kurz nach fünf stand Andrew auf, entschuldigte sich nochmals und schlug dann vor, beide Fragen ohne weitere Diskussion zuzulassen. Es gab einen kurzen Applaus und ich sah niemanden im Raum, der nicht die Hände ineinander geschlagen hätte. "That's not for the questions, that's for you" flüsterte Pekka und ich hoffte, dass er recht hatte.

Nach dem Meeting spendierte mir Andrew noch ein Bier in der Hotelbar und erzählte von Schottland und von seiner Frau, die Kinderbücher schrieb, in denen sie alte Sagen neu erzählte. Ich war ihm dankbar für die Abwechslung und ging danach auf mein Zimmer zurück.

Draußen gehen die Lichter in den Hochhäusern und Stadtvierteln an, während ich hier auf dem Sofa sitze. Die Nacht iteriert in nicht wahrnehmbaren Schritten über die Stadt, die Hotelzimmertüren sind verschlossen, die Oper beleuchtet - wir haben die ersten Erschütterungen mitbekommen, das Drama hat einen kurzen Einblick gegeben und ich hoffe, dass ich nicht über irgendwelche Worte oder Ereignisse stolpere, die ich falsch auslege.  Ich hoffe, mir kommt keine Hauptrolle in diesem Stück zu.

Sarah hat recht, ich habe Ralitsera die Frage mehr diktiert als ihr bei der Formulierung geholfen. Und natürlich bin ich voreingenommen, das dürften die meisten Delegierten auch mitbekommen haben. Ich geh zur Minibar, öffne das zweite Kognakfläschen und fülle es in mein Glas. Wie ich diesen Tag überstanden habe weiß ich nicht. Der Applaus mag aufmunternd gewirkt haben, völlig berechtig war er nicht.

Auf dem Tisch liegt das gelbe Buch, das ich mir am Sonntag laut vorgelesen habe. Ich schlag es nochmal auf, stell das Glas zur Seite und such nach ein paar tröstliche Zeilen, während der Kognakgeschmack schwer in meinem Mund liegt. "In dein Verderben! Und zwar rasch!" steht da - na ja. Weiter hinten dann "Ich flattere im Wind meiner Ängste, sehe weder was jetzt ist, noch das Künftige." auch nicht erbaulicher. Weshalb hat sie alle diese Zeilen markiert? Ist sie sowas wie die Regisseurin des Stücks? Weshalb spricht sie so gut Deutsch und woher kommt sie? Und wieder: "Wohin auf Erden trägt es mich Armen? Wohin entfliegt mir die Stimme, verhallend?"

Ich mag es nicht wenn mich in ein Drama hineindichte, nur um ein bisschen Selbstmitleid empfinden zu dürfen. Das klingt alles so, als stünde ich am Abgrund und innerhalb der nächsten Stunde würde Blut durch den Spalt meiner Hoteltür auf den Flur sickern. Der Tag ist vorbei und draußen sorgt Elektrizität dafür, dass uns die Dunkelheit nicht zuviel Angst einjagt. Ich nehm einen Schluck aus dem Glas und behalt ihn für einige Zeit im Mund. Sarah ist eifersüchtig, das hat heute jeder gesehen und damit hat sie nicht nur sich, sondern auch ihre Anschuldigung gegen mich lächerlich gemacht. Wo ist das Problem?

Das Problem ist auf Zimmer siebenhundertzweiundvierzig, denke ich, während ich den Kognak runterschlucke. Ich nehm den Plastikschlüssel und geh, das Buch immer noch in der Hand, aus dem Zimmer, den Flur runter und rufe den Aufzug. Welcher Irrtum mich jetzt gerade antreibt weiß ich nicht, wahrscheinlich ist es nur der Alkohol. Der Aufzug kommt, fährt mich einige Stockwerke nach unten und als er im siebten Flur seine Türen öffnet sieht das auch nicht verheißungsvoller als sonst aus. Zimmer 734 bis 758 sind links von mir, den Flur runter, dann nochmal um eine Ecke und da ist 740, 741 - ich bleib vor der nächsten Tür stehen. Ihre Zimmertür sieht aus wie alle anderen auf diesem Flur, wie alle Türen im diesem und allen anderen Hotels der Welt. Und der Flur selbst ist eine genaue Kopie von etwas, von dem es nirgendwo ein Original gibt. Hotelflure kopieren sich nur selbst, Abbilder von Abbildern, Vervielfältigung ohne Mutationen, verbergen immerfort andere Menschen in identischen Zimmern und riechen muffig und uninteressant.

Das gelbe Buch hat gewaltig an Gewicht zugelegt, seit ich mein Zimmer verlassen habe. Ich könnte es ihr unter der Tür durchschieben, aber deshalb bin ich nicht hier. Aus einiger Entfernung klingt das kurze Klingeln des ankommenden Aufzugs. Vielleicht ist sie gar nicht auf dem Zimmer. Ich atme tief durch die Nase ein. Es riecht muffig. Dann drehe ich mich wieder um und geh langsam den Flur zurück. 741, 740, um die Ecke kommt ein Hotelangestellter und grüßt höflich, ich grüße zurück und seh ihm nach. Er bleibt vor ihrer Tür stehen und tut, was ich nicht geschafft habe: er klopft. Langsam greife ich in die rückwärtige Tasche meiner Hose und hole meinen Geldbeutel hervor - ich muss irgendeinen Grund vortäuschen, weshalb ich stehenbleibe und Männer können immer irgendetwas vergessen haben, was in einem Geldbeutel platz fände.

Die Tür geht auf, ich geh um die Ecke um nicht doch noch von ihr gesehen zu werden und habe dann mein feiges Verhalten satt, steck den Geldbeutel wieder in die Tasche und geh zurück zum Aufzug, der diesmal lange auf sich warten lässt. Als er dann endlich klingelt kommt der Hotelangestellte mit einem großen Umschlag, den er vorher noch nicht bei sich hatte, um die Ecke und fragt, ob ich auch nach unten müsste. Nein, nach oben. Er lächelt, lässt mir den Vortritt und ich bedanke mich.

Der Umschlag beschäftigt mich auf dem Rückweg. Wieder in meinem Zimmer werfe ich König Ödipus auf die Ablage, ziehe meine Schuhe aus und vermeide direkte Begegnungen mit dem Spiegel. Gerade als ich wieder nach meinem Glas greifen will klopft es an meiner Tür. Wie lange mein Herz stillsteht weiß ich nicht. Mein Rücken und meine Handflächen werden nass. Der Augenblick, in dem ich mir vorstelle, wer da vor der Tür steht ist gerade lang genug um mich begreifen zu lassen, dass die enttäuschte Hoffnung mich bis in den Schlaf verfolgen wird.

Als ich aufmache steht der Hotelangestellte vor mir, den ich wenige Minuten vorher auf dem siebten Flur gesehen habe. Er erkennt mich und seine Augen werden groß. Sir, sorry Sir, I didn't know that it is you - I" er zögert "had to ask your room number from reception first" stammelt er und hält mir den Umschlag hin, auf dem, mit Füller geschrieben, mein Name steht. Wir sehen uns beide an.

"Is that for me?" frage ich, um irgendwas zu sagen.

"Yes Sir"

"Thank you" ich nehme den Umschlag "thank you very much." Er erwidert etwas, aber da ist die Tür schon fast wieder zu und ich zerr am Umschlag und geh zugleich durch das Zimmer und der Umschlag geht nicht auf und ich zieh fester an der zugeklebten Lasche und die reisst ein und ich schneid mir den Finger an der scharfen Papierkante blutig und dann ist der Umschlag endlich offen und ein grüner Stofffetzen fällt auf den Boden. Dann noch einer. Ich greife in den Umschlag und ziehe daraus die zerrissenen Reste einer grünen Bluse hervor.

Lange starre ich auf meine Hand, lasse dann den Umschlag und die Fetzen zu Boden fallen und blicke wieder zum Fenster hinaus.

Ich sehe sie vor mir. In dem Moment, in dem sich die Wut nicht mehr zu verstecken braucht, in dem die Zimmertür hinter ihr zufällt und sie schlägt mit den Fäusten gegen die Wand und spürt, dass sie sich an irgendetwas rächen muss, für die Wut über die Fragen zu nutzlosen Eigenwerten und Frequenzabweichungen, diesen Eifersuchtstriaden einer missgünstigen Konkurrentin und die Wut darüber, dass ich nachher nicht mehr mit ihr gesprochen, sie ignoriert habe. Ich sehe sie vor mir - ich höre sie. Sie reisst sich den Stolz mit einem Schrei vom Körper, sie wühlt im Kleiderschrank nach dem Opfer, dass ich gefordert habe und das fast schwarze Rot ihrer Fingernägel zerrt daran bis der Stoff nachgibt und zerreißt und zerstört es bis zur Atemlosigkeit. Und dann kniet sie am Boden und sieht sich an was sie getan hat und weiß, was sie als nächstes tun muss. Langsam steht sie auf, nimmt einen der Umschläge aus dem Schreibset, das das Hotel auf jedem Zimmer zur Verfügung stellt und nachdem sie alles, was einmal ihre Bluse war verpackt hat, klebt sie ihn zu. Sie nimmt das Telefon, wählt die Nummer der Rezeption und als sich am anderen Ende eine Stimme meldet, steht sie bereits wieder gerade und ihre Stimme hat alle Emotionen vergessen.

Sie hat ihren Boten zu mir gesandt hat und ich habe ihm die Tür geöffnet. Draußen kämpft elektrisches Licht gegen die immer wiederkehrende Nacht. "Wohin auf Erden trägt es mich Armen?"

Fortsetzung folgt morgen in "Die Abstimmung (Teil 5 von 7) - Donnerstag: Berührung"