Die Abstimmung – Teil 5
Donnerstag: BerührungDas Boot hat sich nicht weit von der Küste entfernt und trotzdem ist kühler geworden und ich bereue es, meine Lederjacke nicht mitgenommen zu haben. Auf dem Deck stehen nur wenige von uns, die meisten sind unten und essen und reden. Social Event nennt sich das, die ganze Gruppe wird an einem Abend vom lokalen Veranstalter des Meetings verköstigt, manchmal kriegt man auch mehr geboten, wie zum Beispiel diesmal die Bootsrundfahrt durch den Hafen von Sydney. Die Skyline zieht vorbei, an der Reling stehen einige Kollegen und unterhalten sich leise.
Der Tag verlief ohne Probleme, wir haben alle Agendapunkte abgearbeitet und für morgen bleibt uns nur noch die Abstimmung. Wenn im ersten Durchgang keiner der Vorschläge 75 Prozent der Stimmen erhält wird nochmal abgestimmt und wenn dann immer noch keine klare Mehrheit erreicht wurde, reicht im dritten Durchgang die einfache Mehrheit. Die drei Durchgänge können sich, mit dem Auszählen der Stimmen, über mehr als sechs Stunden ziehen.
Ralitsera ist unten, sie hat sich den ganzen Abend mit Andrew unterhalten, worüber weiß ich nicht. Ich habe sie noch nie Lächeln oder Lachen gesehen, denke ich, bin mir dessen aber aber dann doch nicht ganz sicher und spüre wie die Zeitverschiebung und die letzten Tage auf meinen Nacken drücken. Ich mach die Augen zu und senke meinen Kopf. Die Rundfahrt dauert sicher noch eine Stunde und gerade jetzt werde ich nirgends gebraucht.
Eine fremde Hand liegt auf meinem Oberschenkel. Ich muss eingeschlafen sein. Langsam komme ich zurück, von wo immer ich auch gewesen sein mag, seh die Frauenhand auf meiner Jeans liegen, seh die langen, weiß lackierten Fingernägel und rieche ein Parfüm, das ich kenne. "Sarah," murmle ich "was machst Du denn?"
"Sorry?" sagt sie leise.
Ich schrecke hoch und seh sie an. "Take your hand away!" Ich zisch sie rauer an als ich es vorhatte, aber es schadet nichts. Sie gehorcht nicht.
"I wanted to apologize -"
"That is ok," ich nehme ihre Hand am Handgelenk und leg sie ihr auf den beigen Stoff ihres Kleides "but it is enough to say it."
"Do you have a problem with me?" Sie spricht immer noch sanft.
"Sarah, I truly have no bad feelings for you - it was all very heated yesterday and"
"It is cold" sagt sie und wäre ich nicht noch halb verschlafen, ich würde sie ins Wasser werfen für diesen dummen Satz.
"Then go downstairs."
Sie lächelt mich an, steht auf und beugt sich zu mir runter. Sie küsst meine Wangen und flüstert mir ins rechte Ohr "You will not get her, you know that - she is playing with you, capullo", dann geht sie wieder nach unten.
Mir ist kalt, ich reibe mit den Händen über meine Arme und schüttle kurz den Kopf, um die Müdigkeit zu vertreiben. Ralisera steht an der Reling. Sie blickt mich an und hinter ihr taucht die Muschelkuppeln der Oper auf. Ich muss länger geschlafen haben als ich dachte. Als ich aufstehe kommen mir meine Bewegungen umständlich vor, mein Nacken schmerzt und ich streck mich, während ich zu ihr gehe und mich neben sie stelle.
"Nachher, wenn wir anlegen, bleibst Du bei mir" sage ich.
"Sie hat Dich berührt" ihre Stimme ist so leise, dass nur ich es hören kann.
"Nein, das hat sie nicht."
"Ich habe es gesehen."
"Nein, sie hat mich angefasst - nicht berührt." Ich sehe auf die Oper, die sich langsam näher schiebt und spüre, dass Ralisera mich von der Seite her anblickt. "Also, bleibst Du bei mir, wenn wir ankommen?"
"Ich dachte, Du hättest das nicht als Frage gestellt." Sie geht von der Reling weg und wenig später höre ich trotz des Windes das Geräusch ihrer Schuhe, die die Treppe hinunter gehen. Die Haare auf meinen Armen stellen sich auf und mein Körper schüttelt sich.
"Habe ich auch nicht." Sarah hat schon wieder recht - ich bin ein Idiot.
Als wir anlegen stehe ich immer noch an der Reling und erst als der größte Teil von uns das Schiff verlassen hat, gehe ich nach unten und über die metallene Brücke zurück ans Land. Andrew fragt mich, ob wir gemeinsam ein Taxi nehmen sollen und ich lehne ab. Er nickt und ich sehe, dass er weiß was los ist - wahrscheinlich wissen es eh alle und die, denen man es erst sagen muss, wir Sarah sicherlich informieren. Sie tut das nicht, um mir zu schaden, sie ist nur eifersüchtig auf diese Frau, die ihr ihre Rolle in der Gruppe genommen hat.
"Kannst Du mit den Schuhen bis zum Hotel laufen?" frage ich sie, als sie leise neben mich tritt.
"Ja."
"Dann lass uns gehen."
Die Straße führt einen Hügel hinauf und an einem Park vorbei. Ein Musikkonservatorium, ein Fotografiemuseum, ein Haus das zu alt wirkt für diesen Kontinent - wir gehen schweigend an allem vorbei. Dann erreichen wir den Park, der am anderen Ende an unser Hotel grenzt. Die Allee aus Feigenbäumen liegt im Dunkeln, die Bäume verschlucken die Motorengeräusche von den umliegenden Straßen. Der Springbrunnen nahe am Eingang versprüht um diese Zeit kein Wasser mehr. Auf den Rasenflächen sitzen Gruppen von Jugendlichen zusammen, was sie reden ist kaum als Flüstern zu hören. Es ist viel zu still und zu dunkel für eine Großstadt.
"Woher kommst Du?"
"Ursprünglich aus Rumänien."
"Und weshalb sprichst Du so gut Deutsch?"
"Meine Großmutter war Deutsche, sie hat mit meiner Mutter nur Deutsch gesprochen und ich habe es dann von beiden, von meiner Mutter und meiner Großmutter gelernt. Und einundneunzig ist meine Mutter mit meiner Schwester und mir nach Hannover gegangen."
"Was ist mit Deinem Vater?"
"Der war der Grund, weshalb meine Mutter nach Deutschland ging."
Ich sehe zu ihr, aber ihr Blick ist nur auf den Weg, der unter den Bäumen kaum zu erkennen ist, gerichtet. Der Sand knirscht unter unseren Schuhen. Ihr letzter Satz macht mich neugierig, lässt meine Vorstellung verschiedene Szenarien entwerfen. Ich halte mich zurück und frage sie nicht weiter. Meine Neugierde ist mir selbst zuwider genug, ich muss sie nicht auch noch damit belästigen.
Die Augenblicke reihen sich mit unseren Schritten aneinander, jeder scheint besser geeignet als der vorherige, um stehenzubleiben, sie in die Arme zu nehmen und der zur Schau getragenen Heimlichtuerei ein Ende zu machen. In der Dunkelheit kann ich sie kaum erkennen, aber ich weiß, dass ihre Lippen rot sind, dass sie ein schwarzes Halstuch trägt, eine weiße Bluse und wieder eine zweiteilige, schwarze Kombination. Mir ist immer noch kalt und ich stelle mir vor, wie warm ihr Körper ist. Es geht nicht, ich weiß nicht weshalb, aber ich kann sie nicht anfassen. Und ebenso wenig kann ich sie zur Rede stellen wegen des Umschlags, wegen ihrer Bluse. Alles scheint blockiert - es gibt kein Schlupfloch zu ihr, keines, bei dem ich mir nicht falsch vorkäme, wenn ich es nähme.
"Setz Dich auf die Bank da."
Entlang der Allee stehen links und rechts Bänke, ich deute auf eine und sie geht darauf zu und setzt sich wortlos. Ich stehe einen Schritt vor ihr und seh durch die Nacht auf sie herab. Das was ich erkennen kann und das was ich über sie weiß dreht sich ineinander. "Leg die Hände neben Dich." Sie nimmt die Hände von ihrem Schooß und legt sie auf die Bank. Ich höre, wie sich ihr Atem aus ihrem Körper presst und spüre kurz darauf, wie sich die Luft an meinem Gesicht bewegt. Meine Hände, mein Rücken werden heiß, genau wie gestern, als der Hotelbote an meiner Zimmertür klopfte.
Sie presst ihre Knie aneinander, die Finger halten sich am Holz der Bank fest und dann höre ich sie nochmal ausatmen. "Kann ich -" fängt sie an.
"Nein, sei still." Ein Ruck geht durch ihren Körper, die Schuhe bewegen sich im Sand, sie beugt sich kurz ein Stück vor, dann sitzt sie wieder aufrecht, genau wie zuvor. Ihre Knie beginnen zu zittern und ich weiß, dass das nicht von der Kälte kommt. Langsam öffnet sie sie. "Nein, Ralisera, davon habe ich nichts gesagt." Sie schließt ihre Knie wieder und senkt den Kopf.
Ich kann mich nicht bewegen, meine Augen spüren nach ihren Konturen, die sie von der Bank und der Nacht trennen - sie ist kaum sichtbar. Ein Windstoß fährt mir über den rechten Arm, der nicht mehr kalt ist.
"Steh auf, wir gehen." Ihre Finger lassen die Bank los und sie richtet sich vor mir auf - ihr Gesicht direkt vor meinem, ihr Parfüm löscht den Park um uns aus. Ich dreh mich zur Seite, in Richtung unseres Hotels. "Komm" sage ich und weiß, dass das letze Wort ist, das wir an diesem Abend sprechen. Wir gehen zurück zum Hotel, sie verlässt den Aufzug auf ihrem Stockwerk, dreht sich um und blickt mich an, bis die Türen sich ganz geschlossen haben.
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Fortsetzung folgt morgen in "Die Abstimmung (Teil 6 von 7) - Freitag: Worte"