Die Abstimmung – Teil 7
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Als ich nach zehn Stunden aufwachte, schlief sie noch tief. Zwischen unseren Betten lagen die Tagesdecken und Kissen, die wir nicht zum schlafen benötigt hatten. Ich stand auf und ging ins Bad, vorbei an ihrem Kleid, das neben dem Tisch lag. Sie hatte es sich ausgezogen, ganz wie ich es gewollte hatte. Sie hatte stundenlang auf dem Tisch gelegen und was immer ich sagte ging durch ihren Körper - jede Silbe Erschütterung, forderte, verbat, erlaubte, ließ sie atmen und warten und wollen. Ich stand über ihr und beobachtete sie, wie sie sich bewegte, sich berührte, wie sie nichts tat, was ich nicht gesagt hatte. Manchmal war ich ihr mit meinen Händen oder den Lippen so nah, dass fast kaum Raum mehr zwischen uns war und ich musste mich losreißen und aus dem Fenster starren, um es auszuhalten. Und immer drängender flüsterte sie, dass ich sie anfassen sollte.
Nachdem sie aufgewacht war ließen wir das Frühstück aufs Zimmer kommen und nach dem zweiten Kaffee telefonierte sie und verschob ihren Rückflug auf das Datum, an dem auch ich nach Deutschland zurückreisen werde. Sie tat das alles ohne meine Aufforderung. Ich saß nur da und beobachtete sie. Urlaub, sagte sie, hätte sie sich nach diesem Sieg ja wohl verdient. Über die Rezeption ließ ich mir die Nummer einer Autovermietung geben und zwei Stunden später verließen wir Sidney in Richtung Norden.
Wir redeten die ganze lange Fahrt über. Sie erzählte von ihrem Vater, der sein Leben lang davon gesprochen hatte, in den sogenannten Westen zu gehen und kurz nach dem Sturz des Regimes hatte er gemeinsam mit einigen entfernten Verwandten seiner Frau tatsächlich den Umzug nach Deutschland in die Wege geleitete. Der Vater sante seine Familie im Zug in die neue Heimat und nahm selber das Auto mit dem ganzen Gepäck. Wenige Kilometer vor Wien, nach stundenlanger Fahrt und bei schlechtem Wetter, fuhr er in einer Kurve gerade aus. Er kam nie in Deutschland an.
Sie saß neben mir, sah der Landschaft zu und wunderte sich über den Zufall, dass sie hier, in Australien, Andrew getroffen hatte, wo sie doch die Sagenbücher seiner Frau alle gelesen hatte und erzählte von Martins Frau, die am Donnerstag einen Jungen geboren hatte und die ihre beste Freundin war. Dann stellte sie Fragen und bohrte in meiner Vergangenheit herum, kritisierte alles, was ich in meinem Leben falsch gemacht hatte und machte sich mit leisem Spott darüber lustig, dass ich mit dem Linksverkehr nicht zurecht kam. Das Steuer übernahm sie aber trotzdem nicht.
Bei der Autovermietung hatte man uns das Hunter Valley als Ausflugsziel empfohlen, eine der berühmtesten Weingegenden in Australien, wie uns die Dame versicherte. Wir hatten beide noch nie etwas von dieser Gegend gehört und fuhren die ganze Strecke durch New South Wales bis Newcastle, folgten dort den Schildern zur Touristeninformation, wo man uns die Adresse eines Ehepaars gab, das eine Unterkunft zu vermieten hatte. Der alte Mann und seine Frau waren unterhielten sich mit uns auf ihrer Terrasse in der Sonne und schenkten und waren beinahe enttäuscht, als wir bereits nach dem zweiten Glas Rotwein, der aus dem Weingut ihres Sohnes stammte, aufbrechen wollten. Sie gaben uns den Schlüssel für die Hütte, wie sie die Unterkunft nannten und erklärten uns, wie wir dorthin kämen.
Wir kamen am frühen Abend an. Die Hütte war ein komfortables und modern eingerichtetes Häuschen auf einem Hügel im Nirgendwo. Solarzellen sorgten für den Strom und aus einer nahe gelegenen Quelle wurde das Wasser gepumpt. Wir würden es lange nicht bemerken, wenn wir die letzten Menschen auf Erden wären.
Nachdem wir uns eingerichtet hatten, legte sie das Buch vor mich hin. "Lies es mir bitte vor" sagte sie und wir setzten uns auf zwei Stühle vor das Haus, ließen die Mücken um eine Stehlampe kreisen und ich las das Drama nochmal. Die Grillen unterlegten die Handlung mit flackerndem Gezirpe.
"Darum blicke man auf jenen Tag, der zuletzt erscheint, und preise keinen, der da sterblich, selig, eh er denn zum Ziel des Lebens durchgedrungen, ohne daß er Schmerz erlitt." Ich schließe das Buch, lege es auf den Tisch neben mir und schalte das Licht aus. Für eine Weile blicken wir beide in die Nacht. Dann stehe ich auf und gehe barfuß auf die dunkle Wiese. "Komm" sage ich - und sie folgt mir.
Es gibt keinen Moment, in dem ich sie nicht berühren möchte. Die Möglichkeit ist immer ganz nah um uns herum, sie lauert im Gras und wartet auf eine Unachtsamkeit, zittert vor Erwartung und auch weil sie ahnt, dass sie vielleicht verliert wenn sie sich erfüllt. Wir schaffen uns die Geschichten selbst und sie werden doch erst sichtbar wenn wir handeln.
Wir gehen nebeneinander den Hügel hinauf während Nick und Andrew wahrscheinlich schon irgendwo in den Bergen sind, in einem Zelt und Nick hat keine Papierservietten zur Hand, also kratzt er seine Gleichungen und Diagramme als Höhlenmalerei in den nächstliegenden Felsen und sie unterhalten sich über die Wunder, wie man sie früher einmal nannte, bevor sie sich uns in einer Sprache aus Zahlen und Symbolen darstellten, durch die wir uns ihnen staunend und langsam nähern dürfen. Und Sarah ist vielleicht bereits wieder in einem Flugzeug und lässt die Enttäuschungen hinter sich, die ihr niemand hat zufügen wollen - die Stewardesse bringt ihr noch ein Glas Rotwein aus ihrer Heimat und sie kommt der Versöhnung zögernd näher, mit mehreren hundert Stundenkilometern. Und Pekka, das weiß ich fast sicher, sitzt an einer Bar und prostet dem vorbeirollenden Buschland zu.
Der Boden ist warm von der tagelangen Sonne und in Griechenland, vor zweitausendfünfhundert Jahren, hörte der junge Ödipus die Worte des Orakels auf den Hügeln von Delphi. Er dachte er verstünde was ihm gesagt wurde und das war sein großartiger Irrtum, der ihm einen Platz in der Sagenwelt zuwies. Er befreite Theben von der rätselmurmelden Sphinx und die dankbaren Bewohner machte ihn zu ihren neuen König. Unter seiner Herrschaft blühte die Stadt und wurde mächtig. Und dann kam halt doch eine Dürrezeit und brachte Zweifel mit sich und aus den Zweifeln kamen Fragen. Am Ende war sich kein Gott gut genug, um Ödipus sein Schicksal zu offenbaren und es waren die Worte eines Hirten, die ihm sein Leben in der schrecklichsten aller Möglichkeiten erklärten. Und Ödipus, obwohl er seine Taten unwissentlich beging, nahm die Strafe an, die er selbst über den zuvor noch unbekannten Verursacher des Unheils verhängt hatte. Er stach sich die Augen aus und irrte fortan durch die Wüste. Theben wurde von seinen streitenden Söhnen zerstört und seine Töchter starben in den Nachwehen des Krieges. Sein ganzes Leben war bestimmt von Worten, Gedanken und Auslegungen, von Prophezeiung, Schicksal und Göttern und hier, irgendwo am anderen Ende der Welt, am anderen Anfang der Zeit, legt Ralisera sich neben mich ins Gras.
Wir liegen inmitten der maßlosen, immer wiederkehrenden Nacht, die sich nicht darum kümmert, wie wir die Tage nennen, die sie für uns verbindet. Meine Augen können das Firmament nicht erfassen und ich erkennen keines der Sternzeichen über mir. Wenn ich lange genug suchen würde, könnte ich möglicherweise den kleinen Galgen erkennen, an dem Iokaste sich erhängt hat. Sicher ist da oben auch das Eigenwertproblem abgebildet und je länger man blickt, desto mehr muss man acht geben um nicht in all den Geschichten und Konstellationsmöglichkeiten auszurutschen und womöglich - am kurzen Kleid vorbei - in die große Leere zu fallen.
Das Gras riecht schwer nach Sommer, die Grillen steigern sich ins Crescendo hinein und etwas bewegt sich unsichtbar in der Nacht. Dann ist sie über mir. Grüne Augen sehen mich an, ihre Lippen sind mir ganz nah und halten immer noch am Stolz fest. Der Rat der Ältesten von Theben tritt langsam um uns herum im Kreis zusammen und Sophokles stellt eine Frage auf Altgriechisch. Ralisera zögert nicht mehr, sie beugt sich vor und küsst mich. Die ausgemergelten Richterhände der Alten gehen eine nach der anderen in den Nachthimmel - ihre Abstimmung ist einmütg: schuldig. Dunkelrote Finger zerreißen mein T-Shirt mit einem Ruck, unter dem die Sternbilder auseinanderbrechen. Ihre Hände pressen sich überall auf meinen Körper, zerren an mir. Götterflüche, Verschiebungsvektoren, Vergänglichkeit - das Drama, in dem ich wichtig sein wollte, verzichtet lachend auf sich selbst. Sie beißt in meinen Hals - die von Wahnsinn und Lust berauschten Weiber des Dionysos stürmen Theben und in den brennenden Trümmern der Stadt zerfleischen sie die Ältesten, gurgeln ihr Blut und schreien mit verkrusteten Mündern immer wieder das Urteil durch die Ruinen: schuldig, endlich endlich schuldig! Sie krallt sich an mir fest, ächzt ihren Atem über mich und die Gedankensphinxen hören auf zu murmeln. Die Bilder ruhen. Meine Hände halten sie an den Hüften, sie streckt sich nach mir. Ich flüstere ihren Namen und spüre meine Stimme durch ihren Körper verhallen.