Die Zustimmung

Der Laserdrucker surrt das letzte von 117 Blättern aus sich heraus. Ich greife mir den Stapel und werfe noch ein Blick in mein Postfach, nur für den Fall, dass es jemand wert befunden hätte mir etwas Substanzielleres als eine E-Mail zu senden. Auch heute liegt in keinem der circa 50 Fächer unseres Großraumbüros mehr als Staub und selbst der ist rar.

117 Blätter, jedes doppelseitig bedruckt. Vorne wie hinten befinden sich auf jedem Blatt je zwei Seiten der letzten Version einer Spezifikation, durch den es dem zahlungsfähigen Teil der Gesellschaft irgendwann möglich sein wird vom Mobiltelefon aus über Internet zu telefonieren. Ich habe nicht vor alle 468 Seiten zu lesen, dazu hätte ich hier auch gar nicht die Ruhe. Für meine Arbeit benötige ich vielleicht fünf oder sechs Seiten des Stapels.

Mein Arbeitsplatz liegt auf der Südseite des Flügels, ein wenig versteckt hinter den Toiletten, die gewissermaßen das Zentrum des Büros bilden. Kurz bevor ich meinen Schreibtisch erreiche fällt der erste Schuß. Es verreißt mir den Arm, ich zucke zusammen. Über meine Hand schwappt Kaffee und während ein Schmerzensschrei vom Eingangsbereich her hörbar wird öffne ich die Finger. Der Becher fällt zu Boden und Kaffee spritzt an die weiße Wand.

Ich wische die Hand an der Jeans ab als der nächste Schuß fällt, der den Schrei beendet und dafür eine ganze Lärmlawine in Gang setzt. Die Stimmen der beiden Teamassistentinnen quietschen laut auf, es donnert als ob ein Schrank umgefallen wäre, mehrere Männerstimmen rufen unverständliche Sätze durch die Gegend, dann wieder Schüsse.

Stöckelschuhe klappern im gestreckten Galopp auf die Toiletten auf zu, ich kann sie nur hören, weiß nicht wer da läuft. Dann etwas, das wie ein Befehl klingt, Schüsse, Gurgeln – Mona rutscht an der Wand entlang um die Ecke, eine Hand noch an der Klinke zur Damentoilette, die andere an ihrem Hals aus dem das Blut schießt. Kaffe und Blut vermischen sich am Boden. Mona sieht mich an als wollte sie mich etwas fragen, aber sie kann nicht mehr sprechen und ich könnte ihr die Antwort eh nicht geben. Ihre Hand fällt von der Klinke, ihr Kopf sinkt gegen die Wand, zuckt ein letztes Mal und starrt dann auf die Verbindungstür zum A-Flügel.

Tom, der seinen Schreibtisch rechts von mir hat, steht neben mir – wie er dahin gekommen ist weiß ich nicht. Die Stimme, die zuvor den Befehl geschrien hat, wandert jetzt lauthals fluchend und mit Schüssen untermalt durch die Ostseite der Abteilung.

"Er kommt!" Toms Stimme ist hoch und schrill, seine hellgrünen Augen riesig hinter der randlosen Brille, er hat die Hände hochgerissen und weiß offensichtlich nicht wohin er soll. Ich pack seinen Arm mit der Hand die eben noch den Becher hielt und zieh ihn mit mir, an Mona vorbei zu unseren Schreibtischen. Das ist sicher keine gute Idee. Was aber wäre eine gute Idee? Wir hätten zum Ausgang laufen sollen solange sich die Schießerei auf der anderen Seite zutrug, aber dafür ist es jetzt zu spät.

Während Tom sich unter seinem Schreibtisch in den hintersten Winkel verkriecht lege ich den Papierstapel, den ich immer noch in der Hand halte, auf meiner Schreibunterlage ab und weiß jetzt grade auch nicht was ich tun soll.

"Rodenbacher!" – der Name unseres Chefs klingt wie ein Schimpfwort. Es herrscht kurz Stille, dann stottern Schüsse auf und meine Phantasie zeigt mir wie der Kugelhagel in Rodenbachers Körper einschlägt.

Von der Kaffee-Ecke her rennt einer der indischen Kollegen an mir vorbei. Ein einzelner Schuß kracht und er liegt in Blut und Kaffe am Boden und läuft nicht mehr.

Wieder folgt Stille, durch die sich kurz darauf Schritte nähern. Tom stößt ein Wimmern aus, ihn hat wohl gerade die Erkenntnis gestreift, dass sein Versteck nicht das beste ist. Immer noch besser als blöd mit dem Rücken zu PC und Bürostuhl rumzustehen, wie ich das tue.

Schließlich steht er vor uns. Schwarze Arbeitssandalen, schwarze Jeans, blaues Hemd. Er hat ein schmales, ein langweiliges Gesicht, ist etwas kleiner als ich und die beiden silberfunkelnden Pistolen halten ihn gerade noch so über der offensichtliche Ödnis seines Daseins, aus der er sich an ihnen herauszuziehen versucht. Seine Pupillen flackern vor dem rot durchtränkten Hintergrund seiner Augen.

Ich kenne ihn, er arbeitet in der Nachbarabteilung, irgendein namenloser Programmierer, der Tom jetzt eine Kugel in den Kopf jagt. Danach richtet er beide Pistolen auf mich.

Statt zu erstarren stolpere ich nach hinten in meinen Bürostuhl. Er steht vor mir und sieht mich von oben an.

"OK?" Fragt er leise – Wut zerrt an den beiden Silben. Keine kurze, plötzliche Wut. Sondern eine, die sich in den Gängen von Großraumbüros sammelt und in deren Verzweigungen, aus denen sie keinen Ausgang findet, altert und reift. Sein Gesicht, das ich zwischen den Mündungen hindurch erkenne, ist längst zu leer für Enttäuschungen.

Er lässt einen Arm an sich herabsinken und streckt den anderen in meine Richtung durch, den Finger am Abzug. "OK?" Fragt er erneut. Ich nicke einmal und sehe ihn dann wieder an.

Die erste Kugel jagt er mir in die Eier, die zweite in den Bauch, die dritte durchs Herz, die vierte durch den Kopf. Das geht ganz schnell und dauert ewig. Etwas das aussieht wie mein Leben zieht im Hinterkopf vorbei. Mein Bürostuhl dreht sich leicht zur Seite, ich starre auf den Schreibtisch, auf die 117 Blätter, die ich vom Kopierer geholt habe. Sie liegen ganz ordentlich vor mir. Das ist das letzte, was ich sehe.