Erübrigter Tag

Meistens bleibt einer von beiden übrig. Der weiß dann weniger als vorher und fühlt sich längst noch nicht wie nachher. Überlässt man das Übrigebliebensein dem jeweils Anderen kann man recht lebendig zurück in die mit Abenteuern angefüllte Welt zurückspringen. Wenn man also selbst den Laden dicht macht kommt man nochmal mit der eigenen Person davon – zumindest dauert es nicht lange, bis man sich wieder unter andere Menschen traut, ohne gleich an der eigenen Zulässigkeit zu zweifeln. Wenn man jedoch im Laden sitzen bleibt und sich gar nicht dafür interessiert ob es einen Ausgang gibt, wenn man sich zwei, höchstens drei Kerzen anzündet und zu Rotweinmusik etwas schreibt, das sich dagegen wehrt wie ein Gedicht auszusehen, dann muss man vorsichtig mit sich selbst umgehen, sonst fällt man alle paar Worte über die eigene Hoffnung, dieses vitale Unding, dass sich nicht ins Altenheim abschieben lässt. Es ist in solchen Zeiten besser nicht über alles nachzusinnen was man sich eh hätte denken können. Das kann später geschehen, nach ein paar Wochen, von denen man Morgens ganz sicher weiß, wie locker man sie rumbringt.

Vor dem Duschen ist es wichtig viel Kaffee zu trinken, damit einem später beim Wändeanstarren nicht die Augen zufallen. Die Wände halten den Blicken nicht stand und weichen schüchtern den abschweifende Gedanken aus, die sich immer in der Vergangenheit herumtreiben. Im Laufe des Vormittages schaut man auf den Bildschirm und versucht sich elektronisch abzulenken. Im Internet klickt man dann einmal um die falsche Kurve, vermeintlich unabsichtlich und dann sieht man ein Bild, das einem schrill das graue Gelassenheitsdeckchen zerfetzt, an dem man seit dem giftigen Zeitpunkt am stricken war. Da wird einem klar, wie sich das im Tempel angehört haben muss, als der Vorhang von oben nach unten durchriss: gewaltig. Sogleich werden eilig alle elektronischen Querbeziehungen zum Ehemaligen gelöscht. Die Kontakte in den diversen Messengern, das Blog, die Fotos, die Videos – alles sonderschlussverklickt und zugenäht. Nur keine weitere Einsichten dieser Art erhalten. Besser blind vergessen als sehend leiden. Besser gestern nach damals zu verschieben als nie nach morgen zu kommen. Dazu hört man hilfreiche Musik, nichts lautes, nichts sanftes, was dummes – Countrykinderlieder ohne Seelenbezug.

Den ganzen Nachmittag über stehen die Ziffern auf der Handytastatur höchst integriert und unbefriedigt herum und fragen, wann sie wieder mal gedrückt werden. Fünf ist die Kurzwahltaste – man weiß ja für wen. Fünf, weil das ist die Taste in der Mitte. Das Zentrum. Die Telefonnummer hat man aus dem Adressbuch gelöscht, als einem ein spezifischer Satz für einige Momente wütend genug gemacht hat um für ein paar Momente den eigenen Zorn als Stärke missverstehen zu dürfen. Ob die Kurzwahl trotzdem funktioniert? Man könnte die Fünf ja drücken und wenn das Telefon dann zu wählen anfängt schnell den Finger auf die rote Auflegetaste pressen, nur um herauszufinden ob sich zumindest der Kurzwahlspeicher noch des Anderen entsinnt. Der Daumen kreist über die Knöpfe des Mobiltelefons, auf denen man megabyteweise Kurznachrichten getippt hat. Vor ein paar Wochen. Vor ein paar Tagen. Immer vorsichtig, nur nicht zudrücklich werden mit dem Daumen. Kurz drauf weiß man, dass hinter der Fünf nichts mehr liegt – keine Telefonnummer, die es irgendwo klingeln lässt. Natürlich steckt die juckende Zahlenkombination noch überall im Telefon, zum Beispiel im Anrufer–Log oder den drei heimlich aufbewahrten Kurznachrichten. Nur: um dahin zu kommen müssten viele Tasten gedrückt werden, das dauert zu lange, da holt einen mittendrin die als Einsicht getarnte Niedergeschlagenheit ein und wiederholte ein paar Worte, die man aus eben diesem Telefon jüngst gehört hat.

Ab achtzehn Uhr legt sich der Abend recht breit auf das eigene Gemüt und dauert schon in den ersten fünf Minuten länger als ein Monat. Man steht dann alleine mit in seiner Lebenssituation herum und fragt niemanden der anwesend wäre, weshalb man schon wieder da ist wo mein bereits mehrmals nicht sein wollte. Dann rennt man Runde um Runde um die Mauern der Festung, die man nicht mehr einnehmen kann, heult schlosshundartig, verkriecht sich schoßhundhartig, empfindet im Kreis und findet sich darin nicht wieder.

Gegen einundzwanzig Uhr läuft ein Film über den Bildschirm, zur Ablenkung von der nicht mehr real existierenden Wirklichkeit. Es ist wichtig genügend Filme vorrätig zu haben, damit man sich bis vier Uhr dreißig sicher sein kann, dass man auf kein Signal vom anderen Ende der Hoffnung wartet. Niemand wartet hier! Die platte Unterhaltung ist besser als für sich im eigenen Bett zu verflachen. In jenem Bett, das groß genug ist um sich allein darin beengt zu fühlen. Zwischendrin werden einige Bücher aufgeschlagen, von denen keines die Gedanken mehr als zwei Absätze binden kann und man ertappt sich dabei, dass die Augen schon keine ganzen Worte mehr formen können, dass man die Handlung den Buchstaben überlassen hat, um sich selbst in den eigenen Erinnerungen abzulegen. Lesen bringt einen auch nicht weg von dem, was man gar nicht sein möchte – sagt man sich, als man das Buch zur Seite legt. Sagt man sich. Sagt man mir. Sag mir das man, das sich noch nicht traut herauszufinden, dass es ich ist.

Später, nach dem dritten Film, kriecht man und unter der Bettdecke und kaum dort eingetroffen entblößt die vertraute Gespielin Einsamkeit ihre Brüste und spielt vor inneren Augen an sich selbst herum. Es dauert bis sie fertig ist und man anschließend an ihrer Schulter einschlafen darf. Der Schlaf ist nur ein kurzer, vier–, vielleicht fünfstündiger Fluchtversuch. Dann kehrt man wieder zurück in die Zeit, die gerade zuviel zu tun hat und einen deshalb nicht heilen kann. Man kehrt zurück und erübrigt sich durch den nächsten Tag.