Mittsommerfeuer

Was mache ich nur hier? Bin ich wirklich in einen Flieger gestiegen um mir das Wochenende zu versauen? Ich brauche mir das Gesindel doch nur anzusehen, das da über den Rasen wimmelt und weiß, dass ich besser einen Sprengsatz zu meiner Vertretung hierhergesandt hätte als selbst zu kommen. "Oh da freuen wir uns aber, dass Du kommst – Du wohnst ja so weit weg – lauter nette Leute – Du wirst sehen – und ein großes Feuer – ja, alles gute Freunde von uns."

Fuck! Und Fuck! Und nochmal: Fuck! Alles hergestylte angehende Unternehmensberater die sich selbst zur Sonnenwende nur mit Hemd und polierten Lackschuhen auf die Wiese wagen. Dazu eine Horde abgefahrener Jurastudentinnen, die sie händchenhaltend hinter sich herziehen. Wenn man in so einer abspritzt hat die mehr Hirn zwischen den Beinen als den Ohren. Und ich Depp mach einen auf Atheisten und kann die ganze Saubande nicht mal zum Teufel wünschen.

Das war ein zweineinhalbstündiger Flug hier runter, und anscheinend nur um mir die Gnadenkanne zu geben, damit ich das alles nicht nüchtern miterleben muss. Einer von den hochgewachsenen Cabriofahrern kommt auf mich zu, dreht sich nochmal zu Michael um und fragt halb verwundert "Der da?" und als er ein Nicken zur Antwort bekommt steht er auch schon vor mir und reicht mir seine rechte Hand in den Liegestuhl runter, in dem ich mich mehr schlecht als recht über den ständig steigenden Alkoholpegel halten kann. Ich seh seine Hand an. An seiner Linken hängt ein Blondchen mit Sonnenbrille, dass sich die Seele aus dem magersüchtigen Leib grinst. Mein Blick tastet sich langsam seinen Arm hoch. Irgendwo links in meinem Unterbewußtsein kann die Höflichkeit mal wieder nicht den Dienst versagen und schiebt die Bierflasche von meiner Rechten in die Linke. Meine Rechte greift seine und er grinst mich glücklick an.

"Neumann. Thomas Neumann" stellt er sich vor. Hätte mich auch sehr gewundert wenn er Detlef Wichsfresse heissen würde. Es hat schließlich niemand den Namen, den er verdient.

"Ja" bestätige ich ihn so gutmütig wie es eben geht. Die vier Jahre Finnland wirken. Man sagt nur das Notwendigste und selbst das nur nach dem fünften Bier.

Er zögert ein wenig, nimmt dann umständlich seine Hand aus meiner und kann nicht anders als die peinliche Stille zu überbrücken: "Das ist Katja."

Ich seh an ihm vorbei auf den Minirock und die ordentlich geschlossene weisse Sommerbluse. Dann trinke ich das letzte Drittel des eh schon warmen Bieres und höre nicht mit dem Schauen auf. Katja freut sich noch immer und nuschelt etwas, das aber in meinem geräuschvollen Schlucken untergeht.

"Katja," sage ich zu ihr, ohne ihn anzusehen "Du kommst gerade recht". Sie zögert, blickt dann verwundert zu Thomas, schüttelt leicht irritiert den Kopf und ich kriege mit, wie er ohne zu Verstehen mit den Schultern zuckt. Wenigstens ist die Sonne jetzt wieder heller als ihre Gesichtsausdrücke. "Du setzt Dich jetzt hier in den Stuhl und hältst ihn für mich frei und ich hol mir noch ein Bier." Ich heb die Sonnenbrille, kneif die Augen zusammen und ziel aus den Schlitzen auf Thomas: "ok?" Er nickt recht freundlich und vollkommen automatisch. "Na dann iss ja gut" murmle ich und schwinge mich aus dem Stuhl der vor Schmerzen aufknackt.

Als sie sich in den Liegestuhl legt kommt mir die Kleine etwas zu nahe und ich nehme eine Tiefe Prise von ihrem Geruch in mein System auf. Die hat sich den Wert eines halben Reihenhauses an den wohlgebräunten Hals geschüttet und der Saft verfehlt seine Wirkung nicht: meine Gedanken verlieren weiter an Schärfe und wohlige animalische Bedürfnisse bemächtigen sich meiner. Wunderbar. So lässt sich das hier ja vielleicht doch noch aushalten.

Thomas will gerade was zu mir sagen, als ich meinen Arm brüderlich um seine fittnesscentergeschulten Schulterm lege. "Weisst Du was? Ich glaub, das Bier reicht mir für heute" lass ich ihn brüderlich wissen und spüre richtig, wie ihn dieser Satz erleichtert. "Wir holen uns zwei Wodka Sour und lassen den Rest Sonne auf uns wirken, hm, Tom?" Es ist ein Wunder, dass er die schnelle Bewegung seines Kopfes ohne Schleudertraume überlebt.

"Nein – ich muss ja noch"

"Ach was, scheiss drauf – der Michel hat doch Platz in seiner Riesenhütte."

"Nein ehrlich – meine Mutter braucht das"

"Ruhe jetzt, das geht auf die Firma." Er hält sofort den Mund. Meine leicht herrischer Tonfall hat wohl das tiefsitzende Hierachiverständnis in Thomas angesprochen. Während er hilflos neben mir den Tischen der Freiluftbar und damit seinem Schicksal entgegentrottet entdecke ich meine Redseligkeit neu und erzähl ihm etwas von dem Betrieb in dem ich arbeite – darüber wollte er ja eh mehr wissen. In Deutschland stehen die angeblichen Freunde von Freunden immer Schlage wenn ich irgendwo in der Ecke sitze und wollen Informationen über den großen Weltmarktführer aus mir herausschwätzen. Keine Ahnung was die wissen möchten. Ich stimme dann immer mein Loblied über Finnland an und erzähle ihnen alles von der Mitternachtssonne, über das Outsourcing nach Indien bis hin zur Selbstmordrate. Egal was ich sage, sie sind immer alle begeistert. Sogar Tom wacht wieder auf, obwohl er inzwischen mehr an meinem Gewicht trägt als ich.

Während ich ihn noch väterlich wissen lasse, dass in den finnischen Schulen die Klassenzimmertüren nie geschlossen werden und die Schüler sich jederzeit aus dem Unterricht auf den Schulhof begeben können, mische ich drei Vodka Sour, zwei davon ein bisschen stärker und einen für mich. Die Dinger sehen mich an als wollten sie getrunken werden. Einen reich ich Tom, die anderen beiden nehme ich selbst in die Hände. "Komm schon, sonst macht Dir noch einer Deine Kleine abspenstig" sag ich und geh neben ihm in Richtung Liegestuhl.

"In welchem Bereich bist Du da eigentlich?" fragt er und nimmt ohne Nachzudenken den ersten Schluck aus seinem Glas.

Ich lasse gelassen das Wort "Controlling" fallen, was freilich nicht stimmt, das es mir aber ermöglicht die Parkbank der angehenden Juristin als Erster zu erreichen. Und richtig: als ich ihr das Glas runterreiche steht ihr Freund immer noch stocksteif auf halben Weg da und sieht mich an als hätte er gerade für Greenpeace eine Ölplattform versenkt.

Kurz darauf akzeptiert er freudestrahlend, dass ich mich erstmal mit Katja über ihr Studium unterhalten muss. Drittes Semester, ja sowas. Davor Philosophie, aber das war natürlich nichts. Und die Politologie – nein, das läge mir auch nicht, da bewundere ich sie einen Gin Tonic lang wie sie das ganze zwei Jahre durchgehalten hat. Na jedenfalls sehr interessant und übrigens Thomas! – hol uns doch noch mal was zu trinken. Wie Dein Glas ist noch nicht leer? – runter damit! So ists gut.

Obwohl es immer noch hell ist zündet ein übereifriger Nachbar die aneinandergelehnten Bretter an. Während sich die Flammen in Katjas Augen wiederspiegeln wird es in meinem Rücken fast unangenehm heiss und in meinem Kopf breitet sich eine heilige Ödnis aus, die nur erhellt wird von den blitzenden Bildern, die der visuelle Wahrnehmungsapparat willig in mich hineinsaugt: die zuckenden Schatten des Feuers auf ihrem Gesicht. Ein halbes Glas später wird uns Thomas von einem seiner Studienkollegen abgenommen und Katja öffnet wie selbstverständlich zwei Knöpfe ihrer Bluse, wohl um der stärker werdenden Hitze Gegenwehr zu bieten. Irgendwo in unserer Nähe wird für einen halben Augenblick ein weiterer Liegestuhl frei und schon sitze ich neben ihr. Ganz nah. Beobachte sie, wie sie ins Feuer starrt und lasse sie reden.

Alter, sag ich mir, Du verrätst gerade mal wieder Deine Werte. Das ist nicht nur ne miese Tour, die Du hier abziehst, das bringt auch niemanden was. Nicht mal Dir. Andererseits: morgen haben wir alle einen Kater und jede Erinnerung an den Abend ist dann sowieso peinlich. Ist dies nicht das Zeitalter der Realpolitik?

Sie redet und redet und redet. Über den Hund ihres Vaters und das Haus ihres Onkels, die Bedeutung der Fussball Weltmeisterschaft und wie schön es in Barcelona war. Die Laute, die sie aneinanderreiht haben nur scheinbar einen Inhalt. Sie schlittert auf ihren Erinnerungen und Hoffnungen herum und lacht immer wieder mit einem hohen, unausgegorenem Stimmchen dazischen. Oh Sophokles, ich bin so geil. Ich bin so geil, ich glaub sogar ich kann sie verstehen. So scharf darf man doch gar nicht sein.

Michaels Frau, deren Namen ich immer vergesse, bringt zwei Gläser gefüllt mit durchsichtigen Flüssigkeiten vorbei, lächelt uns esoterisch an und haucht "na ihr zwei?" bevor sie sich samt ihrer positiven Aura wieder verzieht. Das Zeug das sie uns da angereicht hat gibt sogar mir den Rest und nach drei Schlucken steh ich auf, finde Dank einer angeborenen Überportion Glück den Boden unter den Füßen und mache Katja klar, dass wir jetzt erstmal spazieren gehen. Schliesslich bin ich hier aufgewachsen. Schliesslich kenne ich ich die Gegend. Sch–Sch–Schliesslich gibt es da den kleinen Weiher im Wald, den sie unbedingt sehen muss. Sie freut sich noch mehr als ihr Freund über das Wort Controlling. Was soll ich da noch sagen?

Ob ich ihre Hand in meine genommen habe oder ob sie ihre in meine gelegt hat, wie soll ich das noch wissen nachdem es geschehen ist? Thomas kniet neben dem alten Birnbaum und röchelt und kotzt und stöhnt. Und Katja lacht als sie ihn sieht, nimmt meine Hand und legt sie auf ihre Hüfte, legt ihren Kopf an meine Schulter und sagt leise, noch halb lachend "Wichser". Sie ist betrunken. Wir müssen ihr beide verzeihen – aber Thomas hört sie eh nicht mehr.

Wir gehen den Feldweg hinunter, den ich schon als kleiner Junge gelaufen bin und der uns in den Wald und zu der kleinen Lichtung führen will. Ich sag ihr wie vertraut mir das alles ist und sie hält mich an und stellt sich auf die Zehenspitzen und küsst mich. Ich weiß nicht ob ich das will, aber es ist so schön warm und feucht und die Dämmerung dauert ewig heute, irgendwo donnert es und Katja ist geil, sie presst sich an mich, sie will gar nicht mehr bis zur Lichtung warten. Die Knöpfe an ihrer Bluse sind fast alle offen und ihr Jeansrock reibt sich samt ihres Unterleibs an meinem rechten Bein. "Wir sind noch nicht mal im Wald" aber das macht ihr nichts mehr. Mein Schwanz dröhnt gegen meine Jeans und zwei Hände – ihre oder meine, wen kümmerts – befreien ihn, besessen von etwas, das nicht verstanden werden darf.

Dann kommt der Regen. Er kann das Feuer nicht löschen. Sie schreit und will und ich schlage zu und höre sie wieder schreien. Das Weiss ihrer Bluse zerreißt, wird grün vom Gras, dann braun von der Erde und morgen gibt es dafür keine Ausrede. Ihr Sonnenbrille werden wir nicht mehr finden, ihre Schuhe nur nach langem Suchen und sie bettelt unter mir im aufweichenden Boden und sieht mich zum erstenmal klar und nüchtern an: "Tus!" schreit sie und was immer sie auch meint, ich tu es. Thomas zuckt durch meine Erinnerungen, aber er kann das jetzt nicht mehr aufhalten – was kann schon Regen, Feuer, Sonnenwende aufhalten?

Sie weint in meinen Armen und sticht mit abgebrochenen Fingernägeln in meinen nackten Rücken. Der Regen lässt nach und gibt der Nacht ihren Platz.

"War das echt?"

"Ja"

Sie öffnet ihren Griff leicht und sieht mich an. Wie eine richtige Frau sieht sie mich an. "Bitte, sag ein bisschen mehr."

Als ich lächle lacht sie. "Los kommm, wir gehen zum Weiher" sage ich. Das reicht ihr schon. Sie geht neben mir. Ich bin klar und leer. Und sie – sie ist schön.